Lunar Aurora – Hoagascht (Reviews)

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Interpret:
25. Februar 2012 | Von | Kategorie: Reviews

Lunar Aurora - Hoagascht

Der Tod muss so schön sein, kein gestern mehr, kein morgen.

 

Dass es für Lunar Aurora ein Morgen geben würde war lange Zeit nicht so richtig sicher, auch wenn die (ich lerne aus Fehlern) Oberbayern die Band nie wirklich zu Grabe getragen haben. Die Hoffnung auf ein weiteres Album keimte aber immer wieder auf und wurde schließlich mit der Ankündigung von Hoagascht endlich erfüllt. Nach fünf Jahren Stille und dem letzten Geniestreich Andacht im Marschgepäck, darf man die Erwartungen an Hoagascht durchaus als sehr hoch bezeichnen, dementsprechend dürfte der Weg, den Lunar Aurora auf ihrem neunten Album beschreiten, durchaus überraschend sein.

 

 

Hoagascht ist also erdig und urig geworden, bodenständig und nahezu schlicht, eine Verbeugung vor den eigenen Wurzeln, vor Brauchtum, Traditionen und zumindest rein musikalisch weit von dem entfernt, was noch Andacht ausmachte. Die Gitarren spielen wesentlich einfacher, stehen quasi neben dem oft stampfenden Schlagzeug als Fundament für hintergründige Synthesizer-Klänge im Raum. Das Schlagzeug selbst ist wieder programmiert, wirkt diesmal jedoch wesentlich organischer, passt also sehr gut zum erdverbundenen Thema der acht Stücke. Überhaupt hat Aran durchaus recht, wenn er sagt, man würde es nicht sofort als Stromtrommler erkennen, da dieser mit sehr viel Liebe zum Detail bestückt wurde. Dementsprechend klingen Hi-Hat und Ride Becken nicht klinisch gleich, sondern stets etwas variabel, wirklich auffällig wird der Drum-PC nur, wenn er Becken, allen voran ein China simulieren soll. Aber um Gottes Willen, das fällt tatsächlich dann nur auf, wenn man sich als Schlagzeuger damit auch näher beschäftigt, jedenfalls sollte klar sein, dass es selten passiert, dass es einen nicht stört, dass das Schlagwerk aus dem Computer kommt. Dies bestätigt eben auch ein bisschen den Werdegang von Lunar Aurora, welche nunmehr weniger als Band, sondern als Arans Projekt fungieren.

 

 

Wenn man mit den harten Fakten weiter machen möchte, muss man darauf eingehen, dass Hoagascht atmosphärisch wieder äußerst dicht geworden ist, was zum einen an der Verwendung des Bairischen Dialektes liegt, sich zum Großteil aber, wie schon beinahe von Lunar Aurora gewohnt, an der stets präsenten Verwendung von Synthies erkennen lässt. Im Gartn ist dabei sicher der perfekte Opener, führt er durch Pink Floydeske Schwebelandschaften nach Draußen ins Dunkle. Man stelle sich dabei den glasklar erkennbaren Sternenhimmel vor, den eigenen Gang ins Unterholz, das einerseits drängende Gefühl einer Allmacht, welche durch grotesk wirkende eigene Winzigkeit in diesem Universum sofort Risse erhält und zerspringen mag. Diese Ambivalenz aus mächtigen Doublebass-Passagen und schon fast zerbrechlichen, ruhigen Abschnitten macht Im Gartn aus. Der knurrige Gesang erscheint dabei als Beiwerk bei dem es nahezu unwichtig ist, ob die Texte tatsächlich in Bairischem Dialekt verfasst wurden, oder nicht. Wenn Aran im Interview dieses damit meinte, dass auch Nicht-Bayern damit zurecht kommen werden, wurde ich jedenfalls völlig überzeugt, da ich tatsächlich sagen muss, dass ich nur manchen Sprachfetzen verstehen kann, aber dennoch ein Gefühl davon bekomme, was Lunar Aurora damit ausdrücken wollten.

 

Lunar Aurora

 

Das erste Quartett an Stücken würde ich persönlich als das beste bezeichnen, was Lunar Aurora jemals veröffentlicht haben, denn diese vor Spannung zerreißende Atmosphäre von Nachteule, Beagliachda und vor allem Sterna reißt einen regelrecht mit. Bei Sterna sind es die unheimlich schöne Melodie und das wabernd, pulsierende Hintergrundrauschen, welches die wohlbekannte „Hier und jetzt„-Wehmut aufkommen lassen. Leider reizt mich das zweite Quartett an Stücken nicht so bedingungslos, so musste ich mir die Håbergoaß wirklich schön hören, da mir diese an Amazing Grace erinnernde Hintergrundmelodie irgendwie gar nicht schmecken mag. Leider gehen auch Geisterwoid und Wedaleichtn etwas unspektakulär an mir vorbei, auch wenn die Stücke sicherlich nicht schlecht sind, es fehlt nur leider ein bisschen das besondere, vielleicht auch der Wiedererkennungswert, den die ersten vier Stücke definitiv besitzen. Im Gegensatz dazu steht das Abschlussstück Reng, welches als letzter Höhepunkt dem Album noch ein grandioses Ende liefert.

 

Insgesamt bin ich also doch etwas zwiegespalten, was Hoagascht betrifft. Da mich ein Teil der Stücke absolut zu begeistern weiß, der andere Teil jedoch nur bedingt mitreißt (was natürlich rein subjektiv sein kann), kann ich also nicht von einem absoluten Meisterwerk sprechen, was von vorne herein völlig überzogen wäre, doch dieses Bild, dass Lunar Aurora stets ein Album weit über der Genialitätsgrenze abliefern müssen, hat sich wohl in den letzten Jahren einfach so ergeben. Wenn man ehrlich ist, hatte man vorher, selbst auf dem Referenz-Werk Zyklus, auch Abschnitte, die nicht völlig überzeugten. Man sollte also, bevor man Hoagascht hört, überdenken, was man von Lunar Aurora erwartet, dann kann man es eben auch genießen, dass ein Stück nicht der völlige Volltreffer, sondern eben „nur“ gut ist. Im Endeffekt ist Hoagascht schließlich ein atmosphärisch absolut dichtes Album geworden, dass sich durchaus auch mit den besten Werken der Band messen, ein Album wie Mond sogar weit hinter sich lassen kann. Auf jeden Fall ist Hoagascht eine geglückte Wiederkehr einer atmosphärischen Ausnahmeband, welches, wenn man auf höchstem Niveau meckern möchte, gewiss Schwächen besitzt, in seiner Gesamtheit, was Konzept und Grundstimmung betrifft, aber wohl kaum von einer anderen Band übertroffen werden kann.

 

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Label:

Cold Dimensions

 

Bandpage:

Lunar Aurora

 

Format:

CD, limited Digipak-CD, limited LP

 

Veröffentlichungstermin:

02. März 2012

 

Trackliste:

1. Im Gartn

2. Nachteule

3. Sterna

4. Beagliachda

5. Håbergoaß

6. Wedaleichtn

7. Geisterwoid

8. Reng

(8/10)

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