Grauzeit – Tyrannei der Tristesse (Reviews)

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Interpret:
6. Februar 2013 | Von | Kategorie: Reviews

Grauzeit – Tyrannei der Tristesse

Die Zeit vergeht, und während sich matschig-kalte Tage in ein Wechselspiel mit Frostnächten begeben, Wasser gefriert, taut und verdunstet wie Liebe in einem alten Herzen und man nicht so recht weiß, wie sie sein wird, diese Zukunft, die doch ganz anders geplant und gedacht war, zieht der Geist seine Bahnen. Aus klaren Schwarz-Weiß-Abgrenzungen der Jugend werden auf einmal unmöglich viele Grautöne, die in Facettenreichtum keinem Sonnenuntergang nachstehen. Versucht ist man dann diese Zerrissenheit einzufangen, und eine junge Band aus Deutschland mit Namen Grauzeit unternahm mit ihrer EP Tyrannei der Tristesse nun einen dritten Versuch.

 

Mit einer Gesamtspiellänge von 22 Minuten, auf fünf Lieder verteilt, ist das gute Stück wohl am besten für eine Autofahrt zur Arbeit/Uni/Arbeitsamt geeignet. An manchen Stellen ist es tatsächlich so, dass man hofft, sie mögen schnell vorüberziehen, aber es gibt mindestens genauso viele Passagen, an denen man festhalten möchte, bei denen man noch nicht bereit ist sie gehen zu lassen. Die Titel heißen alle Tyrannei der Tristesse mit ausgefransten – wir sind zu unkreativ/ideenlos/true/geistesgewandt für richtige Titel – römischen Ziffern, deswegen werde ich im Folgenden von Titel 1, 2 usw. sprechen.

 

Norgarth

Das Intro (Titel 1) ist wirklich sehr gut gelungen. Neben typischen Metal-Elementen, wenn man davon sprechen möchte, fließen auch elektronische Besonderheitsakzente ein. Ein Geigenpart am Anfang lässt den Hörer seicht in diese Scheibe spazieren. Man möchte sich zurücklehnen und genießen, eine innerliche Spannung wird ab- und wieder aufgebaut; man treibt wie ein Fischleich auf dem toten Meer. Bewegungslos wird man dann in das instrumental starke, textlich unglaublich fade zweite Stück geführt. Die Stimme präsentiert sich in allen gesungenen Parts in flüster-heimlicher Manie (so wie Rigers – Im Gedenken), wobei auch ansatzweise gutturaler Gesang eingefügt wird.

 

So einfallslos und banal wie die Titel sind auch die Texte dieser EP. Grauzeit reiht sich mit allen anderen depressiven Reimstümpern in die Schlange der „Deutschpoeten“ ein. Nun ist es kein allgemeiner Anspruch dieser Redakteurin immer neue Dinge zu hören, metaphorische Höhenflüge zu erleben, doch ein wenig künstlerische Eigenständigkeit bei Verarbeitung der gequält-modernen Seele zu Mett könnte man erwarten. Hohle Phrasen hört/liest man heute leider bei zu vielen Bands und Grauzeit wird es mit diesem Kompositionsgefühl nicht gerecht.

 

Argwohn

Der dritte Titel zeigt sich erneut in einem angenehm anzuhörenden Gewand (ja, dieses Gewand kann man hören) und macht Lyrikwunden des zweiten Songs durch balsamierende Schönheit wieder wett. Heimlich – fast in kindlicher Weihnachtserwartung werden Gitarren sanft gezupft, das Schlagwerk nur kleinlaut eingeflochten und mit pausenpräzisen Ruhewünschen aufgezeigt.

 

Zum Ausklang bekommt der Hörer noch das mit acht Minuten längste Stück und ein Outro auf die Ohren. Titel vier befasst sich mit der Zeit, ist durch Gitarrensolos sehr schön akzentuiert und auf jeder depressiv-suizidalen Partysause ein klarer Hit. Die Stimme ist auch hier ein guter Ausgangspunkt, würde sie doch bessere Worte vertonen.

 

Das Outro ist ein klarer Cut (hehe, Wortwitz) zum Rest der EP. Mit jazziger Post-Rock-Melodie, tragender Gitarre und programmiertem Schlagzeug laden Grauzeit noch einmal zum Verweilen ein, versuchen ein nicht zwanghaftes Ende herbeizuführen.

 

Tyrannei der Tristesse ist ein Sammelbecken verschiedener Genreeinflüsse, das durchaus Potential hat und mit vielen kleinen, aber schönen Akzenten glänzen kann. Zwar hat man nicht das Gefühl auf etwas durchweg Neuartiges gestoßen zu sein, aber die leicht holprige Vermengung der Genreelemente macht das Ganze zu einem sympathischen Hörerlebnis. Man kann sich 22 Minuten Zeit nehmen, oder eben auch nur 10, wenn man mit Gesang und/oder Text nicht zurechtkommt und wird mit einem väterlich/mütterlichen Lächeln herausgehen, denn in Anbetracht der abgelieferten Leistung gibt es noch Ausbaupotential, auf das man sich freut.

 

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Bandpage: Grauzeit– Bandpage

Format: EP

Veröffentlichungstermin: März 2013

Trackliste:

  1. Tyrannei der Tristesse I
  2. Tyrannei der Tristesse II
  3. Tyrannei der Tristesse III
  4. Tyrannei der Tristesse IV
  5. Tyrannei der Tristesse V

 

(6 / 10)

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